Veganer Fruchtsaft: Das Märchen vom naturtrüben Saft

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Wer im Supermarkt zum naturtrüben Apfelsaft greift, stellt sich meist frisch gepressten Saft aus heimischen Äpfeln vor – ungeklärt, ungefiltert, so natürlich wie möglich. Die industrielle Realität hinter vielen Produkten sieht jedoch anders aus. Was als „naturtrüb" im Regal steht, hat mit dieser Vorstellung oft wenig gemein.

Was macht naturtrüben Saft eigentlich trüb?

Die Trübung in echtem Fruchtsaft stammt von Zellfasern, Pektin und Polyphenolen – Verbindungen, die direkt aus der Frucht kommen. Wissenschaftliche Studien zur Trübungsstabilität von Apfelsaft (PMC/NIH) zeigen, dass naturtrüber Direktsaft deutlich mehr dieser Pflanzenstoffe enthält als geklärter klarer Saft. Die Voraussetzung dafür: schonende Verarbeitung.

Industriell hergestellter „naturtrüber" Saft entsteht jedoch meist ganz anders: Zuerst wird der Saft vollständig gefiltert und geklärt. Dann werden die herausgefilterten Fruchtbestandteile homogenisiert und wieder in den klaren Saft eingemischt. Das Ergebnis sieht naturtrüb aus – ist aber ein rekonstruiertes Produkt, wie die Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) erklärt.

Der Trick mit dem Herkunftsland

Früchte, die für die industrielle Saftproduktion oft aus Drittländern importiert werden, dürfen unter dem heimischen Herkunftsland angegeben werden – denn es zählt der Herstellungsort, nicht der Ursprungsort der Rohstoffe. Diese Regelung gilt für alle verarbeiteten Fruchtprodukte: Säfte, Marmeladen, Kompotte.

Ein Großteil der Apfelsäfte im Handel stammt nicht aus frisch gepresstem Saft, sondern aus Konzentrat: Der Saft wird stark eingekocht, getrocknet und transportiert – bei der Abfüllung wird er wieder mit Wasser aufgemischt. Dabei gehen Aromen verloren, die anschließend wieder zugesetzt werden.

Saft aus Filterrückständen

Beim Klärprozess entsteht klarer Saft. Der Trick dahinter: Die herausgefilterten Rückstände werden homogenisiert und zurück in den Saft geführt, um die gewünschte Trübung zu erzeugen. Echter frisch gepresster Apfelsaft setzt sich am Boden der Flasche ab – bei industriellen Produkten bleibt die Trübung gleichmäßig verteilt, weil die Partikelgröße gezielt eingestellt wurde.

Was zeigt der ÖKO-TEST 2024?

ÖKO-TEST testete 32 naturtrübe Apfelsäfte und fand: In 14 von 16 konventionellen Produkten lagen Rückstände von zwei bis sechs verschiedenen Pestiziden vor. Nur vier der 32 getesteten Säfte enthielten ausschließlich Äpfel aus nachhaltigem Streuobstanbau. Auch KONSUMENT.AT bestätigt für den österreichischen Markt: Die Bezeichnung „naturtrüb" macht keinerlei Aussage über die Herkunft der Früchte oder den Pestizideinsatz.

Was bedeutet das für Veganer:innen?

Fruchtsäfte wirken selbstverständlich pflanzlich – sind es aber nicht automatisch. Bei der Klärung setzen viele Hersteller tierische Verarbeitungshilfsstoffe ein: Gelatine aus Tierknochen, Kasein (Milcheiweiß) oder Hausenblase (Fischblase). Diese müssen nicht im Zutatenverzeichnis aufgeführt werden, weil sie als Verarbeitungshilfsstoffe gelten.

Wie eine vegane Fruchtsaftherstellung funktioniert, erklärt Ökolandbau.de: Biobetriebe und vegane Hersteller setzen auf pflanzliche Alternativen wie Bentonit (eine natürliche Tonerde) oder Aktivkohle, die die gleiche Klarheit erzielen – ohne tierische Hilfsstoffe.

Alles, was Du über vegane Säfte wissen möchtest, findest Du in unserem ausführlichen Artikel Ist Saft vegan?

Woran Du guten Saft erkennst

Am einfachsten: Selbst pressen

Die sicherste Lösung ist es, Saft selbst zu machen. Mit einem Entsafter oder einer Saftpresse weißt Du genau, was drin ist: frische Früchte, kein Konzentrat, keine Verarbeitungshilfsstoffe. Äpfel, Orangen, Karotten, Ingwer – nach eigenem Geschmack kombiniert.

„Naturtrüb" steht schnell auf einer Flasche. Was tatsächlich drin steckt und wie der Saft hergestellt wurde, sagt das Etikett meist nicht. Wer auf der sicheren Seite sein möchte: auf Bio, Direktsaft und vegane Zertifizierung achten.